Frachter-Brand: Radioaktives Material an Bord in HH

Der am 1. Mai in Hamburg in Brand geratene Frachter „Atlantic Cartier“ hatte neben hochentzündlichem Ethanol und Munition rund 20 Tonnen radioaktives Material geladen, darunter knapp 9 Tonnen hochgiftiges Uranhexafluorid. Dass bestätigte der Hamburger Senat jetzt in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen. Anti-Atom-Initiativen hatten schon zuvor Auskunft verlangt, doch die Behörden wollten offenbar vertuschen, wie nah Hamburg an einer Katastrophe gewesen war.

Die Feuerwehr brauchte über 15 Stunden um den Brand zu löschen, die Container mit der radioaktiven Fracht konnten noch rechtzeitig an Land gebracht werden. Es bestand akute Gefahr, dass Uranhexafluorid austritt (die Halbwertszeit des enthaltenen Uran238 liegt bei ~4,5 Milliarden Jahren) und in Verbindung mit Wasser oder mit der Luftfeuchtigkeit Flusssäure bildet, was eine tödliche Gefahr im Umkreis von mehren Kilometern bedeutet hätte. In unmittelbarer Nähe zum brennenden Atomfrachter am O‘Swaldkai befindet sich die „Hafencity“, wo an diesem Tag u.a. der Eröffnungsgottesdienst des Kirchentages mit 35 000 Menschen stattfand.

Die Reederei „Atlantic Container Line“, der das Frachtschiff gehört, ist bekannt für die Transporte von Uranhexafluorid, Uranoxid und Brennelementen aus und in die USA über den Hafen von Hamburg. Auch das nun verunglückte Schiff wurde laut einer Auskunft des Hamburger Senats bereits häufig für solche Transporte eingesetzt. Absender des im Hamburger Hafen umgeschlagenen angereicherten Uranhexafluorids ist in der Regel die Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau. Ziel sind drei Brennelemente-Fabriken in den USA. Der Weg zum Hamburger Hafen führt übrigens über Bremen und die A1.

Antwort des Hamburger Senats: 20/7891 – Brand auf der „Atlantic Cartier“

Pressmitteilung von Systemoppositionelle Atomkraft Nein Danke Gruppe (SAND) Hamburg, Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen und dem Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) am 7. Mai 2013:
Atomkraftgegner_innen in Sorge: War auch Uranhexafluorid unter den Gefahrstoffen auf der brennenden „Atlantic Cartier“? Reederei und Schiff sind für atomare Frachten bekannt

Nach dem verheerenden Schiffsbrand auf der „Atlantic Cartier“ im Hamburger Hafen am 1. Mai erwarten die Münsterländer Anti-Atomkraft-Initiativen, die Hamburger Systemoppositionelle Atomkraft Nein Danke Gruppe (SAND) und der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) Auskunft von der Reederei und den Behörden, ob auch diesmal radioaktive Fracht an Bord war. In den Medien war von „mit Gefahrstoffen beladenen Containern“ die Rede. Die Reederei „Atlantic Container Line“, der das Frachtschiff gehört, ist bekannt für die Transporte von Uranhexafluorid, Uranoxid und Brennelementen aus und in die USA über den Hafen von Hamburg. Auch das nun verunglückte Schiff wurde laut einer Auskunft des Hamburger Senats bereits häufig für solche Transporte eingesetzt. Absender des im Hamburger Hafen umgeschlagenen angereicherten Uranhexafluorids ist in der Regel die Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau. Ziel sind drei Brennelemente-Fabriken in den USA.

Uranhexafluorid darf auf keinen Fall mit Wasser in Berührung kommen, da sonst die stark ätzende und tödliche Flusssäure entsteht. Das würde die Medienberichte erklären, warum erst einige Container entladen werden mussten, bevor mit den Löscharbeiten begonnen wurde. Der Vorfall zeigt nach Ansicht der Anti-Atomkraft-Organisationen deutlich, dass die Gefahren nicht nur von den Atomanlagen, sondern auch von den damit verbundenen Transporten ausgehen. „Selbst wenn die Atomkraftwerke irgendwann alle abgestellt sind,
werden die Uranhexafluoridtransporte über den Hamburger Hafen weitergehen. Die Urananreicherungsanlage in Gronau und die Brennelemente-Fabrik in Lingen, die für den internationalen Markt produzieren, sind vom Ausstiegsbeschluss gar nicht erfasst“, so Irene Thesing vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Damit besteht auch weiterhin die Gefahr von schweren Unfällen bei den Atom-Transporten.

Die Atomkraftgegner_innen fordern für den aktuellen Fall Auskunft über die Beladung der „Atlantic Cartier“, die Entwidmung der Häfen für Atomtransporte und generell einen Stopp aller Atomtransporte und die Schließung der Gronauer Uranfabrik, der Brennelemente-Fabrik in Lingen und aller Atomanlagen.

http://www.nadir.org/sand http://www.sofa-ms.de/ www.bbu-online.de


Süddeutsche Zeitung Online 16. Mai 2013.:
Brennender Frachter hatte nukleare Stoffe an Bord

An Land trafen sich zehntausende Menschen zum Kirchentag als im Hamburger Hafen ein Containerschiff brannte. Wie jetzt bekannt wurde, hatte der Frachter nukleares Gefahrgut an Bord. Nach Ansicht der Grünen schrammte Hamburg knapp an einer Katastrophe vorbei.

Der Anfang Mai im Hamburger Hafen in Brand geratene Auto- und Containerfrachter „Atlantic Cartier“ hatte auch radioaktives Material an Bord. Das geht aus der Ladeliste des Schiffes hervor, bestätigte ein Sprecher der Hamburger Innenbehörde. Zur Ladung gehörten auch rund neun Tonnen des gefährlichen Uranhexafluorids, heißt es in einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Insgesamt hatte der Frachter mehr als 20 Tonnen radioaktive Stoffe geladen. Ebenfalls an Bord waren rund vier Tonnen Munition. Der Hörfunksender NDR 90,3 und mopo.de hatten zuerst darüber berichtet.

Die Grünen kritisierten die Informationspolitik des Senats scharf. „Hamburg ist am 1. Mai nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt“, erklärte der hafenpolitische Sprecher der Bürgerschaftsfraktion, Anjes Tjarks. „Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass der Senat die Öffentlichkeit nicht von sich aus über diese Beinahekatastrophe informiert hat. Hier muss man von einem Vertuschungsversuch sprechen.“

Kirchentag in der Nähe des Unglücksorts
Tjarks wies zugleich daraufhin, dass unmittelbar vor Brandausbruch noch in Sichtweite der Eröffnungsgottesdienst des Kirchentags mit rund 35.000 Teilnehmern am Strandkai in der Hafencity stattfand. An der Veranstaltung hatte auch Bundespräsident Joachim Gauck teilgenommen. Es sei bekannt gewesen, dass das Schiff auch Gefahrgut geladen habe, sagte der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter. Darum habe die Feuerwehr sofort reagiert und die Container von Bord geholt. „Durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr bestand keine Gefahr für den Hafen und die Menschen in der Umgebung“, betonte der Sprecher. Es seien keine Gefahrstoffe ausgetreten. Alle gelöschten Container seien unbeschädigt gewesen und an einen sicheren Lagerplatz an Land gebracht worden.

Auf einem Deck des Frachters, auf dem rund 70 Neuwagen standen, hatten die Flammen nach Angaben der Feuerwehr etwa 30 Autos zerstört. Rund 200 Feuerwehrleute waren viele Stunden im Einsatz, um den Brand zu löschen. Es sei ein ganz besonders gefährlicher Einsatz gewesen, bestätigte ein Feuerwehrsprecher – allerdings nicht wegen der radioaktiven Stoffe, sondern wegen der Hitze an Bord. Die Farbe an der Außenhaut habe bereits Blasen geschlagen. „Schiffsbrände sind immer die größte Gefahr für Feuerwehrleute“, sagte Sprecher Martin Schneider. Die Einsatzkräfte hätten aber rechtzeitig erfahren, dass Container mit radioaktivem Material oben an Deck standen.


taz 17. Mai 2013
Eine Fast-Katastrophe

Auf einem Anfang Mai im Hamburger Hafen in Brand geratenen Auto- und Containerfrachter befand sich radioaktives Material. Aus einer kleinen Anfrage der Hamburger Grünen geht hervor, dass sich an Bord mehr als 20 Tonnen radioaktive Stoffe, davon neun Tonnen hochgefährliches Uranhexafluorid, befanden. Geeignetes Löschmittel war demnach in Norddeutschland nicht auf Lager.

„Hamburg ist am 1. Mai nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt“, sagt Anjes Tjarks, hafenpolitischer Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion. Es sei eine Ungeheuerlichkeit, dass der Senat die Öffentlichkeit nicht von sich aus über diese Beinahekatastrophe informiert hat. Während der Frachter „Atlantic Cartier“ in der Nähe der Hafencity brannte, wurde unweit der Evangelische Kirchentag eröffnet.

Erst am nächsten Mittag wurden die letzten Nachlöscharbeiten beendet. Insgesamt waren 251 Feuerwehrleute im Einsatz, um den Brand zu löschen. Es sei bekannt gewesen, dass das Schiff auch Gefahrgut geladen habe, sagt ein Sprecher der Innenbehörde am Donnerstag. Darum habe die Feuerwehr sofort reagiert und die Container von Bord geholt. Es seien keine Gefahrstoffe ausgetreten.


taz 27. Mai 2013
Lieferengpass bei Löschmittel

Der Brand auf dem Atomfrachter „Atlantic Cartier“ im Hamburger Hafen mit Uranhexafluorid an Bord hat ein politisches Nachspiel. Trotz Atom-Umschlagsverbot wäre so ein Unfall auch in Bremischen Häfen möglich.

Die Beinahekatastrophe auf dem Auto- und Containerfrachter „Atlantic Cartier“ im Hamburger Hafen, der am Abend des 1. Mai inmitten der Kirchentag-Eröffnungsfeier in der Hafencity am gegenüberliegenden O‘Swald-Terminal mit atomarer Ladung an Bord in Brand geraten ist, hat nach mehreren Wochen Verheimlichung nun ein parlamentarisches Nachspiel.

Am Freitag wird sich der Innenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft außerordentlich mit den dramatischen Ereignissen in jener Nacht befassen, nachdem die Antwort der Senatskommision der SPD-Regierung am Freitag auf eine weitere kleine Anfrage der Grünen ergeben hat, dass die Hansestadt tatsächlich an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist.

„Das eingestandene Brandereignis zeigt schon, dass ein weitaus größeres Schadensereignis stattgefunden hat, als zunächst offiziell eingeräumt worden ist“, sagt die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Antje Möller der taz. „Die Lage war so ernst, dass frühzeitig der Katastrophenschutz informiert worden ist“, sagt Möller.

Zudem war sofort das bundesdeutsche Havariekommando in Cuxhaven eingeschaltet worden und Fachkompetenz der Spezialeinsatzgruppen Schiffsicherung (SEG-S) aus Hamburg, Brunsbüttel und Cuxhaven hinzugezogen worden. Wichtige Einsatzmittel zur wirksamen Brandbekämpfung von Schiffsbränden standen jedoch nicht – oder zumindest nicht ausreichend – zur Verfügung.

Der Brand auf der „Atlantic Cartier“ der Reederei Atlantic Container Line“ (ACL) war nach offiziellen Angaben gegen 19.30 Uhr auf dem Pkw-Unterdeck 3b ausgebrochen. Als die Hamburger Berufsfeuerwehr gegen 20.02 Uhr alarmiert und gegen 20.15 Uhr eingetroffen war, musste laut offiziellen Angaben ein „Innenangriff“ des Feuers wegen der schon zu starken Hitzeentwicklung abgebrochen werden.

Als die Feuerwehreinsatzleitung von der Wasserschutzpolizei erfuhr, dass das Schiff auch nukleare Stoffe wie neun Tonnen Uranhexafluorid, elf Tonnen angereichertes Uranoxid und unbestrahlte Brennelemente sowie hochexplosives Ethanol und Munition geladen hatte, ist die bordeigene Kohlendioxid-Löschanlage von der Besatzung und der Feuerwehr ausgelöst worden.

Diese Ladung macht den Einsatz von Löschwasser zu Anfang unmöglich. Das Kohlendioxid brachte die Flammen im Parkdeck jedoch nicht zum Erlöschen. Offiziell war das Deck durch das Schließen der „Side Door“ zwar vollständig verschlossen, nach Angaben aus Feuerwehrkreisen konnte das Kohlendioxid jedoch das Feuer nicht ersticken, weil Luken nicht dicht waren.

Daraufhin versuchte die Feuerwehr-Leitzentrale, so steht es in der Antwort des Senats, weitere 25 Tonnen CO2 bei Firmen und der chemischen Industrie zu ordern, weil CO2 aus Kostengründen bei der Hamburger Feuerwehr nicht mehr vorgehalten wird, um über die „bordeigene Löschanlage“ eine „nochmalige Flutung des Laderaum“ zu unterstützen. „Eine entsprechende Menge CO2 war zwar vorhanden, aber die Anlieferung beziehungsweise die technische Bereitstellung der geforderten Menge nicht kurzfristig realisierbar“, so der Senat. Die Feuerwehrführung entschloss sich deshalb, gegen 23.08 Uhr unter der Lebensgefahr der Einsatzkräfte die Gefahrengut-Container über eine Containerbrücke des O‘Swald-Kai und einen mobilen Kran von Bord zu holen.

Das Feuer war nah an der gefährlichen Ladung
„Der vermutliche Brandherd befand sich unterhalb der Ethanol-Ladung und den radioaktiven Ladungen in Bay 21, jedoch in Längs- und Querrichtung rund 10 bis 15 Meter versetzt“, schreibt der Senat. Nach der Evakuierung der Container konnte neben der Kühlung des Schiffsrumpfes von außen auch Löschwasser im Inneren eingesetzt werden. Das war zuvor nicht möglich, da sonst in Verbindung mit Uranhexafluorid aus einem womöglich defekten Container die gefährliche Flusssäure entstanden wäre, die giftiger und ätzender als Salzsäure ist und in einem Radius von bis zu 1.000 Metern zu schweren Verletzungen hätte führen können.

Für Beobachter drängt sich die Frage auf, wie es möglich ist, dass so ein Sammelsurium an Gefahrenstoffen auf einen Schiff mit Atomfracht unbeanstandet in norddeutschen Häfen kommen konnte. „Jeder Atomtransport ist eine tickende Zeitbombe“, erklärt der bremische Linken-Abgeordnete Klaus Rainer Rupp. Die Bremische Bürgerschaft hat letztes Jahr per Änderung des Hafenbetriebsgesetzes eine Sperrung der landeseigenen Häfen für Kernbrennstoffe vorgenommen. „Diese Teilentwidmung schließt ein Szenario wie in Hamburg aber nicht aus“, erklärte Rupp: „Dafür hätten die Häfen, wie von uns gefordert, auch für Uranhexaflourid und andere radioaktive Transporte gesperrt werden müssen.“ Die regierenden SPD und Grüne hätten den Schritt nicht mitgemacht, Bremens Hafensperre für radioaktiven Umschlag sei damit „eine halbgare Angelegenheit“.

Zu der Frage, was das bremische Hafenbetriebsgesetz zu den betreffenden Containern der „Atlantic Cartier“ gesagt hätte, hat der Sprecher der zuständigen Hafenbehörde, Holger Bruns, eine differenzierte Antwort. „Bei uns hätte dieser Container nicht umgeschlagen werden dürfen“, sagt er klar, weil es sich um spaltbaren Kernbrennstoff gehandelt habe, der in der Ladungsliste der „Atlantic Cartier“ mit der UN-Gefahrenklasse „7(8)2977“ verzeichnet war. Im Hamburger Hafen kamen in der letzter Zeit alle zwei Wochen Schiffe mit dieser Gefahrenklasse an. In den Ladelisten steht hinter der Gefahrenklasse mal ein kleines „I“ oder „E“, mal ein „T“. Diese Buchstaben haben große Auswirkungen: „I“ steht für Import, „T“ aber steht für Transit und das wäre auch in Bremerhaven erlaubt, denn Transit gilt nicht als „Umschlag“.

Gefahrgutstelle für gefährliche Container
Es ist also auch in Bremerhaven ein denkbares Szenario, dass auf einem im Hafen liegendes Schiff, auf dem Transit-Container mit Kernbrennstoffen lagern, ein Feuer ausbricht. Container mit besonderen Gefahrengütern müssten immer am Rande des Schiffes stehen, damit sie schnell abgeladen werden können. Container mit besonderem Gefahrgut könnten vorsorglich vom Schiff genommen und an einer besonderen Gefahrgutstelle gelagert werden, wenn ein Containerfrachter länger im Hafen liegt, „das entscheidet das Hafenamt“, sagt die Bremerhavener Feuerwehr.

Bei der „Atlantic Cartier“ hätte man bei einer derart langen Liegezeit die Container herunternehmen können, sagt die Feuerwehr Bremerhaven. Auf solche Debatten möchte man sich in Hamburg nicht einlassen. „Alle Vorschriften sind eingehalten worden“, erklärt die Hamburger Wasserschutzpolizei, „dieser Container musste nicht vorher von Bord genommen werden“.


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